Forschung / Research

 

Promotion:
Der vielschichtig schöpferische Moment: Improvisation als soziale Kunst
Grundlagen für den künsterischen und didaktischen Umgang mit dem Unerhörten.
The complex creative moment: Improvisation as a social art
Fundamental principles of dealing artistically and didactically with the “unheard”
Dissertation an der Universität für Musik und Darstellende Kunst, Wien
von Reinhard Gagel PhD

Abstract
In dieser Arbeit werden grundlegende Überlegungen vorgestellt, was beim Ensemble-Improvisieren im Moment des erfindenden Spielens geschieht. Improvisation wird verstanden als weitgehend unvorgeplantes, unvorhersehbares musikalisches Handeln. Die Interaktion von Musikern einerseits und die Entstehung von musikalischen Strukturen andererseits im improvisatorischen Spielprozess werden auf der Grundlage der Systemtheorie und der Affektlogik, im besonderen mit Hilfe des Emergenzbegriffs beschrieben. Der Begriff Emergenz dient gemeinhin als Bezeichnung von Systemvorgängen, in denen sich aus der Wechselwirkung und Selbstorganisation verschiedener Faktoren unvorhersehbare Gestaltungsprozesse und Strukturen ergeben. Mit Hilfe der Begrifflichkeit und Anwendung auf musikalische improvisatorische Spielprozesse werden die Bedingungen, die zu unvorhersehbaren Formungen und Qualität führen, einsichtig.

So wird ein „Betriebssystem“ der musikalischen Improvisation entwickelt. Mit Hilfe dieses „System Improvisation“ werden die verschiedenen Wirkfaktoren, die in einem vielschichtigen Prozess in Echtzeit zusammen kommen und unvorhersehbare klangliche Strukturen hervorbringen, reflektiert und in ihrer Relevanz  für künstlerische und künstlerisch-pädagogische Qualität hinterfragt. Improvisation ist danach immer als ein Prozess des Zusammenwirkens von musikalisch-ästhetischen und sozial-kommunikativen Elementen zu verstehen. Die Aktionen der MitspielerInnen auf all diesen Ebenen – ihre Interaktionen und ihre musikalischen Wahrnehmungen und Äußerungen – emergieren in der improvisatorischen Situation zu einer jeweils stimmigen unvorhersehbaren Gestalt. Damit dies gelingen kann, müssen körperlich-gestisches Agieren, Klangmaterialauswahl, Hören und Zuhören, Präsenz und Interaktion als improvisatorische Grundlagen bewusst zusammenwirken. Die detaillierte Beschreibung daraus abgeleiteter improvisatorischer Kompetenzen – im Bezugssystem systemtheoretischer Begrifflichkeit – veranschaulicht den schöpferischen Moment.

Dieses Verständnis von musikalischer Improvisation und diese Begrifflichkeit ermöglichen die reflektierte Anleitung zu improvisatorischen Prozessen sowie deren Lehr- und Lernbarkeit. Didaktische Kriterien für den Ensemble-Unterricht und die Improvisationsausbildung werden abgeleitet. Praxisorientierte Unterrichts-, Übungs- und Spielmodelle für die Ensembleprobe, die Schul- und Musikschulklasse demonstrieren, wie improvisatorisches Handeln durch improvisationsadäquates „Lehren“ ermöglicht und gesteigert werden kann.
Das der Improvisation angemessene improvisatorische Handeln aller Teilnehmenden inclusive Ensembleleiter und Lehrer verlangt, soziales Miteinander und qualitätsvolles Musizieren zu verbinden. Probenstruktur, Einstimmung, Hörtraining und Spielübungen müssen so gestaltet werden, dass das fragile „Unerhörte“ ermöglicht wird.

Die Ausführungen zum „System Improvisation“ münden in Überlegungen zum improvisatorischen Lernen und Lehren , das die Teilhabe von jedermann an gehaltvollem musikalischen Ausdruck ermöglicht. Improvisation als  künstlerische und pädagogische Methode kann Schule und Musikschule zu Orten „sozialer Kunst“ machen, an denen auf eine neue Weise musikalisch gehandelt und gelernt werden kann.

Englische Version als PDF-Datei (abstractengl.pdf)
                       
In Planung:
Praxisbuch für Ensembles
Forschungsvorhaben: Erforschung ästhetischer und pädagogischer Fragen von Improvisation als soziale Kuns
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